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Einführung | Methodik

Das mittelhochdeutsche Wort muoze steht nicht allein.
Es ist umgeben von bedeutungsverwandten Ausdrücken und Bezeichnungen für Gegenkonzepte, deren Abgrenzung der mittelalterlichen Semantik von ›Muße‹ erst die nötige Tiefenschärfe verleiht. Es war die zentrale Erkenntnisleistung der Wortfeldtheorie, dass sich die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks erst in der Abgrenzung zu seinen Nachbarn konstituiert. Doch die ursprünglichen Vorstellungen von der Geschlossenheit und Ganzheit eines Wortfeldes haben sich nicht halten lassen können. Weder sind Wortfelder klar gegeneinander abgegrenzt noch verfügen sie über eine statische Binnengliederung. Sie überlagern sich je nach Ausgangspunkt ebenso, wie ihre Binnengrenzen in ständigem Fluss sind.

Die dynamische Darstellungsform unserer Homepage verdankt sich einerseits dem benutzten digitalen Medium. Sie veranschaulicht andererseits diese konstitutive Dynamik von Bedeutungsähnlichkeit, die durch Diskurse, Kontexte und Verwendungsweisen geprägt ist. Dabei spiegeln die wechselnden Anordnungen der Wörter keine realen Konstellationen wider, sondern setzen eher das Prinzip der Bewegtheit in der Verwendung sprachlicher Zeichen selbst ins Bild. Je nach Text, Textsorte oder Diskurs, nach Verwendungsweise, Umbesetzung oder Bedeutungswandel, ändern sich die Konstellationen im historischen Kontext.

Bei der Auswahl der Stellen haben wir Vielseitigkeit angestrebt; sie kann aber nicht als repräsentativ gelten, sondern ergibt sich aus den Schwerpunkten der Projektarbeit. Hauptsächlich haben wir Belegstellen aus religiösen und ›weltlichen‹ Texten ausgewählt, bei denen die jeweilige Bedeutung der Schlüsselwörter aus deren Verwendungszusammenhängen erschlossen werden kann. Ergänzend haben wir Glossen und Vokabularien herangezogen, weil auch Übersetzungsprozesse vom Lateinischen ins Deutsche das Ringen um Wortbedeutungen erkennen lassen. Wo eine Auseinandersetzung mit lateinischen Begrifflichkeiten zentral ist – in religiösen Texten des Mittelalters und Werken humanistischer Autoren –, haben wir vereinzelt auch lateinische Textstellen aufgenommen.

Mit unserer Homepage wollen wir daher einerseits Beispiele für die Verwendung von mittelhochdeutschen und lateinischen Bezeichnungen aus dem Wortfeld der Muße anbieten, zugleich aber durch die bewegte Darstellung zeigen, wie komplex und die Verhältnisse sind, wollte man über diese ersten Zugänge hinaus eine Geschichte des Wortfeldes der Muße im Deutschen schreiben. Dies wird Aufgabe künftiger Forschung sein; unsere exemplarischen experimentellen und durchaus erst punktuellen Sondierungen könnten dazu einen ersten wichtigen Anstoß liefern.

 

Das Projektteam