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Paradoxien der Muße im Mittelalter. Paradigmen tätiger Untätigkeit in höfischer und mystischer Literatur

In dem gemeinsam von Prof. Dr. Burkhard Hasebrink und JunProf. Dr. Henrike Manuwald geleiteten Teilprojekt C1 (2013–2016) wurde erstmalig der systematische Ort von ›Muße‹ in der höfischen Literatur um 1200 und der religiösen Literatur des 14. Jahrhunderts untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass es eine übereinstimmende Strukturlogik gibt: In beiden Textgruppen werden Figuren (Ritter bzw. Klosterleute) inszeniert, die einen konstitutiven Anspruch auf Vollkommenheit (perfectio) haben, deren Realisierung jedoch von einer charakteristischen Spannung von Tätigkeit und Untätigkeit geprägt ist. Muße – verstanden als begrenzter Freiraum – erscheint einerseits als Bedingung für die Vervollkommnung, andererseits droht sie, die kulturellen Ordnungen, in denen die Figuren verankert sind, zu unterlaufen. Ziel des Projektes war es, die Relevanz von Muße für die Vervollkommnung nachzuweisen und deren prekäre, bis zur Paradoxie gesteigerte Ambivalenz in ihrer textuellen Inszenierung zu erfassen.

Dafür wurde ein dreifacher Zugriff gewählt:

  • Zum einen wurden – in Anlehnung an moderne Muße-Theorien – abstrakte Analysekategorien gebildet wie ›bestimmte Unbestimmtheit‹ oder ›begrenzte Offenheit‹. Dieser Zugriff war vor allem für die Dissertationsprojekte von Rebekka Becker (Muße im höfischen Roman) und Anna Keiling (Paradigmen tätiger Untätigkeit in den deutschsprachigen Predigten Meister Eckharts ) relevant, die den Kern der Projektarbeit bilden.
  • Zum anderen wurden die Semantisierungen mittelhochdeutscher Wörter, die für das Untersuchungsfeld der Muße relevant sind, exemplarisch erschlossen, um die Ambivalenz bereits auf der Wortebene beobachtbar zu machen (in diesen Teil der Arbeit gibt die Präsentation auf der Hauptseite einen Einblick).
  • Schließlich wurden – ausgehend von der Beobachtung, dass die Semantik der Muße im Mittelalter vor permanenten Abgrenzungsfragen steht – verwandte Konzepte (acedia, lange wîle,geistige Armut) und Phänomene des Umschlags von Kontemplation zu Aktion (otium contemplationis) erforscht.

Mit seinem systematischen Zugriff hat sich das Projekt von Entwicklungsthesen gelöst, etwa, dass die klösterliche Kontemplation im Spätmittelalter zu einer ›weltlichen‹ Muße transformiert worden sei, die dann in der Renaissance als zentrale Ausdrucksform adeliger Identität gegolten habe. Die Projektarbeit hat vielmehr bestätigt, dass Muße die Dichotomie der aktiven und kontemplativen Lebensform (vita activa und vita contemplativa) übersteigt und als ›Freiraum‹ eine gewisse gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Damit soll nicht geleugnet werden, dass es historisch spezifische Ausprägungen der Ambivalenz von Muße gibt. Über den Zuschnitt des Projekts hinaus wäre vor allem zu fragen, welcher Stellenwert Muße im Spätmittelalter und der Renaissance zukommt, wenn verstärkt Lebensformen propagiert werden, die aktive und kontemplative Elemente kombinieren. Mit der exemplarischen Analyse von Person und Werk Ulrichs von Hutten wurde dazu ein erster Schritt getan.

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